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Eine besetzte Reichsstadt, deren Ressourcen das revolutionäre Frankreich für seine Kriege anzapfte, verwandelte sich 1797 in französisches Staatsgebiet– wenige Jahre später gab es einen Kaiser dazu. Revolution, Modernisierung und Restauration gingen im Reich Napoleons eine einmalige Mischung ein, die für das Rheinland die Tür ins Industriezeitalter weit aufstieß. Strategische Fernstraßen wie die von Aachen nach Trier, eine gewerbefreundliche Politik und ein – anfangs – große Teile Europas erfassendes Aktionsfeld versprachen eine neue Blüte.
 

Die Schule der napoleonischen Zeit sollte aus den Aachenern gute Kaiserstädter machen – aber eben gut französische Bürger von Aix-la-Chapelle, die verinnerlichten, dass Napoleons Herrschaft dem Willen Gottes entsprach. Der Sprach- und Stilwechsel in Recht und Politik, Standesämtern und Hausnummern machten den Zentralstaat allgegenwärtig. Dazu winkte den oberen Gesellschaftsschichten die Einbindung in die imperialen Eliten… wenn sie mitspielten. Ein heikler Punkt blieb neben der Kultur – Paris legte keinen Wert auf deutsche Lokalidentitäten in der Provinz – die Religionsfrage. Unvergessen waren die Priesterverfolgungen der Republik; unter Napoleon blieb die Spaltung zwischen dem auf das Regime eingeschworenen Klerus (wie Aachens neuen Bischöfen seit 1802) und den ausschließlich romtreuen Dissidenten bestehen. In den Schulen bündelten sich beide Konfliktfelder: Laien als Lehrer waren selten und wurden kaum akzeptiert, vereidigte Priester aber waren für die rheinischen Katholiken Kirchenfeinde. Bis ans Ende der französischen Herrschaft boykottierten viele die staatlichen Schulangebote.

So dachten längst nicht alle. Die Integration in den französischen Staat und seine abhängigen Gebiete eröffnete bisher ungekannte Chancen auf Karriere und beruflich-wirtschaftlichen Erfolg; Tuch und Nadelfabriken begannen in dieser Zeit ihren steilen Aufstieg. Die assimilationsbereiten Aachener Familien mussten allerdings ihre Söhne über eine höhere Schulbildung des neuen Typs, wenn nicht gar ein Universitätsstudium reif für die neue europäischen Vormacht machen. Auf die Grundschule folgte nunmehr eine „Oberschule“ (écolesecondaire), die für die Zwecke eines Kaufmanns ausreichen mochte; ein angehender Anwalt oder Lokalpolitiker jedoch benötigte Hochschulzugang, und den gab es nur an einem lycée. Entsprechend erbittert war die Konkurrenz zwischen den größeren Städten des Rheinlandes als Standorte für diese Spitzenexemplare der Bildungspyramide. Köln, Bonn und Aachen rivalisierten untertänigst am Kaiserhof und gegenüber der höheren Verwaltung.
 
Vive l’empereur?
 
Aachen hatte das Nachsehen – ungeachtet seines Status als Verwaltungssitz. Jahrelange Ungewissheit an der Wurm endete nach Napoleons spektakulärem Aachenbesuch 1804 mit einer kaiserlichen Schenkung. Statt der requirierten Gebäude an der Jesuitenstraße erhielt die Stadt im August 1804 das ehemalige Augustinerkloster – und wurde angewiesen, dort eine écolesecondaire einzurichten.

 

Die großzügige Gabe war nicht nur zweitklassig, sondern stellte mit Blick auf Zielpublikum und staatlichen Auftrag der neuen Anstalt eine „Giftpille“ besonderer Art dar. Indoktrination durch Papstfeinde in einem gestohlenen Kloster, nach deren Abschluß man kein Anwalt, geschweige denn Priester werden konnte? Lieber setzten viele Traditionalisten auf Lehrer-Geistliche aus den aufgelösten Stadtschulen – oder verschickten ihre Söhne auf Klosterschulen im rechtsrheinischen Deutschland. Ehrgeizige Familien wiederum, die zur neuen Bildungselite gehören wollten, mieden die neue Anstalt zugunsten der Lycées in Köln und Bonn.

 

Dank der anhaltenden städtischen Finanzmisere begann der Unterricht erst Ende 1805. Sechs Klassen (in jedem Fach wurde nun, wie es 2012 wieder diskutiert wird, getrennt über die Versetzung entschieden) und eine Vorschule warteten von 6.30 bis 21.00 auf Kundschaft. Viel Mathematik und Französisch, ein kurzer Deutsch- und ein an den Rand gedrängter Religionsunterricht, alles von einem penetranten Kaiserkult durchzogen, sollten die Honoratioren, Beamten und nicht zuletzt Offiziere von morgen heranbilden. Soweit die Schüler im Internat lebten, versprach man ihnen Zusatzfächer... und schmucke Uniformen.

 

Vieles davon kam nie über das Stadium eines Werbeprospekts hinaus. Vor 1810 stagnierten die Schülerzahlen zwischen 60 und 70; das exorbitante Schulgeld für das Internat wollte fast niemand aufbringen. Ein Versuch, mit üppigen Prämien für fleißige Schüler zu werben – 1810 gab es 79 Preise auf 57 Kandidaten – und die Umbenennung auf den klingenden Titel collège änderten daran nichts. Abhilfe schuf ein Führungswechsel: den verheirateten Gründungsdirektor ersetzte Anfang 1811 ein Geistlicher, der bemerkenswert erfolgreiche Joseph Erckens. Schon 1812 war die Schülerzahl auf 180 geklettert, die sich im geräumigen Augustinerkloster aber immer noch verliefen – wogegen die Stadtväter sich eine Rückkehr zu den besten Zeiten des Jesuitenkollegs mit seinen kaufkräftigen Schülern von auswärts erträumt hatten.

 

Jetzt aber neigte sich die Liebesgeschichte zwischen der Stadt und Bonaparte dem Ende zu. Wegbrechende Märkte, Rekrutenaushebungen und Güterknappheit entzogen der Militärmonarchie, die nach 1812 lauter Niederlagen einfuhr, das Vertrauen. Aachen mit seinen 32 000 Einwohnern war bereit, sich befreien statt erobern zu lassen, als die russische Vorhut der alliierten Armee am 17. Januar 1814 einrückte. Immerhin war es in seinen französischen Jahren um gut ein Drittel gewachsen.
 
Preußische Pubertätsjahre
 
Bis die europäischen Mächte sich 1815 verständigt hatten, wie die Landkarte des Kontinents aussehen sollte, spielte Aachen als Sitz des alliierten Generalgouvernements die Hauptstadt des Rheinlands. Das hielt nicht lange vor, und zur alten Unabhängigkeit führte kein Weg zurück. Es gab keine Reichsstädte mehr und kein Reich. Zum beiderseitigen Mißfallen fand man sich als preußische Untertanen wieder. Berlin wünschte sich keine isolierte Provinz voller „Papisten“, die Aachener ihrerseits fanden, sie seien vom Regen in die Traufe gekommen. Für die liberalen Fabrikanten und Journalisten galt das, seit Preußen aktiv gegen die Umbrüche der vergangenen Jahrzehnte bekämpfte, nicht weniger als für die zwar restaurativen, aber nach Rom (und Wien) orientierten Spitzen der katholischen Bürgerschaft.

 

Das alles traf eine Stadt, die sich veränderte wie nie zuvor. Das preußische Aachen erntete die Früchte der napoleonischen Zeit – und war Gold wert. Die Stadtmauern wurden zu eng und verschwanden; die Zwillingsstädte Aachen und Burtscheid waren Vorreiter der industriellen Revolution, die über das Pionierland Belgien aus England kam. All ihre Markenzeichen hatte Aachen früher als Berlin oder das Ruhrgebiet – die Dampfmaschinen und Fabrikschornsteine, die selbstbewussten Unternehmer, die Bevölkerungsexplosion... und Epidemien, Wohnungsnot, Massenelend, Maschinensturm und Revolte. Ein halbes Jahrhundert lang, bis die an Flüssen und Kanälen gelegene Konkurrenz ihre Verkehrsvorteile voll ausspielte, veränderten Kohle, Stahl und Maschinenbau, Nadeln und die riesige Tuchindustrie Aachens Gesicht und warfen die gewohnte Sozialstruktur über den Haufen. 1864 lebten hier doppelt so viele Menschen wie 1815.

 

Eine der Konstanten blieb die Schule – und der Zank um sie. Direktor Erckens brachte das Kunststück fertig, im laufenden Betrieb aus dem Collège ein preußisches Gymnasium zu machen, das 1825, als Erckens ging, die ersten Abiturienten entließ und seinen Lehrerbestand schrittweise gegen Universitätsabsolventen austauschte. Genau das machte das „Königliche Gymnasium“ am Augustinerbach für militante Katholiken verdächtig, die auf den alten Privatunterricht setzten, bis er durch verboten wurde. Pfarrer Leonhard Nellessen, Ex-Privatlehrer und Kopf der Aachener Ultramontanen, warnte vor einem Trojanischen Pferd des Protestantismus und Liberalismus – gefährliche Vorwürfe in einer zu über 90% katholischen Stadt, deren Rat unter den hohen Zuschüssen zum Schulbetrieb ächzte, ohne bei Entscheidungen gefragt zu werden.

 

Zur Beinahe-Katastrophe kam es, als Erckens’ Nachfolger Rigle die Prüfungsstandards drastisch verschärfte und die Zeit des sanften Übergangs beendete. Von Anfang an entwickelte sich eine gepflegte Feindschaft mit dem Stadtrat, dann platzte die Bombe: Rigler wurde evangelisch. Das rasche Krisenmanagement des preußischen Kultusministeriums, das zu Recht leere Klassenräume fürchtete, war erstaunlich erfolgreich: Nicht nur ernannte man 1827 einen neuen Schulleiter, der bis 1871 im Amt bleiben sollte (und die gewünschte Konfession mitbrachte), sondern man machte den Religionsunterricht gleich noch zum Abiturfach. Das Friedensangebot wurde verstanden – und angenommen. Dem geistlichen Brüderpaar Anton und Matthias Claessen, zwei führende Figuren des Domkapitels, gelang die Errichtung eines gemischten Verwaltungsrats aus Stadt- und Regierungsvertretern und obendrein die Erhöhung des Staatsanteils an den Schulkosten. Direktor Schoen erhob umgekehrt die Feier zu Königs Geburtstag ebenso zum Fixpunkt im Schuljahr wie die Teilnahme an Prozessionen und kirchlichen Feiertagen.

 

Für einige Zeit war Einvernehmen hergestellt. Die von Anfang an maroden Klostergebäude blieben ein Problem, besonders weil die Wohnungen der Lehrer (samt ihren Familien) immer weniger Platz für Klassenzimmer ließen, je mehr mit der Schülerzahl auch das Kollegium wuchs. Um 1848 waren es schon mehr als 400 Söhne der Stadt, über die Rat und Regierung (seit 1841) gemeinsam das Patronat hatten. Viele angehende Priester befanden sich nun darunter, manche davon aus armer Familie. Während der Unruhen im Revolutionsjahr 1830 stand die Schule fest auf der Seite der etablierten Ordnung. Nach 1848 aber stritt man sich wieder um deutlich mehr als ums Geld.
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