Heilige Orte- das sind Kirchen, Kapellen und Gebetsräume. Orte, an denen man sich Gott nahe fühlen Geborgenheit finden kann. Aber heilige Orte gibt es auch dort, wo man sie zunächst nicht vermutet- zum Beispiel an der Autobahn, am Flughafen, oder im Uniklinikum Aachen.
Für das Unterrichtsprojekt „Heilige Orte“ des evangelischen Religionskurses der Q2 bei Frau Baerens wurde den Schülern die Aufgabe gestellt, einen ebensolchen Ort zu finden und den anderen vorzustellen. Dafür musste zuerst geklärt werden, was wir unter „heilig“ verstehen. Zum einen sind das Gebete, Kerzen und Gottesdienste. Zum anderen sind das die Werte, die wir damit verbinden: Nächstenliebe, Unterstützung und Ruhe. All das sind Dinge, für die wir in unserem Alltag versuchen, Platz einzuräumen, aber die wir schnell vergessen, wenn wir aus dem Alltag herausgerissen werden. Daher entschied sich eine Gruppe dazu, die evangelische Seelsorge am Uniklinikum Aachen genauer vorzustellen: hier kommen Menschen hin, die sich beispielsweise durch Unfälle oder schwere Krankheitenicht mehr alleine zurechtfinden können und deshalb die Hilfe der Seelsorger in Anspruch nehmen, ebenso wie Angehörige und Personal.
 

Zuerst wurde ein Treffen mit dreien der Schülerinnen, die das Projekt ausgesucht hatten, später mit dem ganzen Kurs organisiert. Frau Haag, eine der Seelsorgerinnen, lud uns nachmittags für eine kleine „Fragerunde“ und eine Führung zu der Kapelle und durch die Büros ein. Frau Haag und ihre Kollegin Frau Hoelzer-Poell empfingen uns in einem Raum am Ende des Ganges, der gar nicht recht zum Rest des Klinikums passen will: es gibt eine Glasfront mit Blick auf den Garten mit dem Springbrunnen. Frau Haag erzählte, diese Umgebung sei nicht nur angenehm, sondern auch sehr befreiend für die Menschen, die die Seelsorge in Anspruch nehmen. Ein befreiendes Gefühl, das man im Alltag des Klinikums nicht vermutet, in einem Raum, den man in diesem Gebäude nicht vermutet.

Als nächstes besuchten wir die Klinikkapelle, die für jeden Menschen zugänglich ist (außer Patienten, die nur im Krankenbett befördert werden können, „dafür ist die Kurve leider zu eng“. Wie uns aber später noch erzählt wurde, gibt es auch Besuche auf den Zimmern, sowie Abendmahle; so kann auch ein Krankenzimmer kurzfristig zu einem heiligen Ort werden). Nachdem wir uns die Bilder, Fenstermosaike und das Marienbild angesehen hatten, gingen wir mit Frau Haag und Frau Hoelzer-Poell in das Büro der katholischen Kollegen, wo die Seelsorgerinnen sich unseren Fragen stellten. Sie erklärten zunächst, dass die Seelsorge von jedem in Anspruch genommen werden kann, dem seine Sorgen oder Probleme zu viel werden; uns wurde auch bewusst, dass das nicht nur Menschen sind, die gerade eine furchtbare Diagnose bekommen haben, sondern auch solche, deren Aufenthalt im Klinikum „das Fass zum überlaufen gebracht hat“, auch durch Probleme in der Familie oder im Beruf. Außerdem erklärten die Seelsorgerinnen uns die Wichtigkeit, die Sorgen und Wünsche der Hilfe suchenden Menschen zu respektieren: „Jemanden, der uns braucht, zu begleiten, bedeutet nicht, unsere Meinung durchzusetzen“. So schilderte Frau Haag beispielsweise, dass sie selbst ihren eigenen Glauben häufig „neu buchstabieren“ müsse, da auch sie selbst sich durch die Gespräche entwickle und neue Fragen beantworten müsse. Das empfinde sie auch als sehr spannend und lohnbringend, da im Klinikum „die ganze Welt“ vertreten sei und somit ständig neue Fälle und Perspektiven aufkämen.

Außerdem erläuterten die Seelsorgerinnen, die beide auch als Pfarrerinnen arbeiten, den Unterschied zu einer festen Gemeinde in der Kirche. Während die Pfarrerin in der Kirche Lebenswege der Mitglieder begleitet und die Gottesdienstbesucher meist gut kennt, begegnet die Seelsorgerin im Klinikum den Menschen nur in einem kurzen und meist intensiv erlebten Moment. Das werde zudem noch durch die immer kürzer werdenden Verweildauern im Klinikum erschwert. Dennoch gebe es auch nach dem Verlassen des Krankenhauses teilweise noch Kontakt.

Frau Haag und Frau Hoelzer-Poell sagten auch, dass es nicht nur Patienten oder deren Angehörigen seien, die für ein Gespräch zu ihnen kämen. „Von der Putzfrau bis zum Oberarzt“ gebe es Gesprächsbedarf. Dabei ist es egal, ob die Person täglich in der Bibel liest oder jahrelang nicht im Gottesdienst war.

Auf unsere Frage, ob das nicht für die Seelsorgerinnen und Seelsorger auch sehr belastend sei, antworteten sie, dass sie sehr froh seien, sich auf ein gut zusammenarbeitendes Kollegium verlassen zu können, wenn sie ein Gespräch nicht loslasse. Sowohl für das Personal der Seelsorge als auch für die Patienten, Angehörigen und Angestellten sei es dabei sehr beruhigend, dass das Gesagte der Schweigepflicht unterliegt.

Nach etwa eineinhalb Stunden verabschiedeten wir uns wieder. Von dem Treffen haben wir nicht nur viele Informationen und neue Blickwinkel gewonnen, sondern auch die Erkenntnis, dass in der Kirche erfahrene Werte wie Nächstenliebe, Unterstützung und Ruhe vor allem dort wichtig sind, wo man dringlich braucht, aber häufig vermisst. Die Klinikseelsorge am Uniklinikum ist für uns zu einem neuen heiligen Ort geworden, nicht zuletzt wegen der ausgesprochenen Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft von Frau Haag und Frau Hoelzer-Poell.

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