Wissenschaft ist das systematische Erlangen von Wissen anhand von als objektiv geltenden Methoden, die in jedem Wissenschaftszweig vorhanden sind. Mit diesen Methoden
werden Daten ausgewertet und Gesetze aufgestellt, die dann als (objektives) „Wissen“ gelten.

 

Es stellt sich die Frage, ob diese Methoden wirklich objektiv sind, da ansonsten wissenschaftliche Gesetze nicht als (objektiv begründetes) Wissen gelten dürften. Außerdem ist es eine wichtige Frage, ob Wissenschaft ein Ziel hat und wenn, was es ist. Schließlich ist die Frage interessant, warum Wissenschaft in unserer heutigen Gesellschaft als eine wichtige und vertrauenswürdige Wissensquelle angesehen wird.
Als objektiv wird das angesehen, was von jedem mit einem „gesunden“ Wahrnehmungsvermögen, einer „gesunden“ Vernunft (intellectus) und einem „gesunden“ Verstand (ratio) wahrgenommen werden kann (die Definition des gesunden Verstandes wird später noch einmal erklärt und kritisiert). Was ist aber ein „gesundes“ Wahrnehmungsvermögen bzw. eine „gesunde“ Vernunft? Ein vollkommenes Wahrnehmungsvermögen ist das Vermögen, Gegenstände so wahrzunehmen, wie sie als Dinge-an-sich sind. Man kann aber Gegenstände nur über ihre Erscheinungen wahrnehmen, die der Essenz des Gegenstandes nicht entsprechen müssen. Deshalb müssen die Wahrnehmenden kein vollkommenes, sondern nur ein „gesundes“ Wahrnehmungsvermögen besitzen. „Gesund“ bedeutet, dass der Wahrnehmende Gegenstände zu einem bestimmten Maß der Dinge-an-sich ähnelnd bzw. entsprechend wahrnimmt. Diese Mindestgrenze wird von der Gesellschaft bestimmt: z. B. könnte dies das durchschnittliche Wahrnehmungsvermögen der Gesellschaft sein. Aber woher wissen wir, ob jemand ein besseres Wahrnehmungsvermögen als jemand Anderes hat? Wir können genau dies nicht bestimmen, da wir ohne ein vollkommenes Wahrnehmungsvermögen keinen Anhaltspunkt für einen Vergleich haben. Auch die „gesunde“ Vernunft wird von der Gesellschaft bestimmt und man kann sich ohne Anhaltspunkt nicht sicher sein, wie vollkommen sie ist. Mit dem „gesunden“ Verstand ist die von der Gesellschaft akzeptierte Logik gemeint. Andere Denkweisen mit anderen Denkregeln werden bei der Aufstellung wissenschaftlicher Gesetze nicht akzeptiert. Auch verschiedene Logiken kann man aber auf ihre Richtigkeit nicht überprüfen (außer sie führen zu z.B. widersprüchlichen Aussagen).

Also kann man in Wirklichkeit nicht beurteilen, wie objektiv eine bestimmte Aussage ist: die Wissenschaft nennt sich selber objektiv, kann es aber nicht sein, da sie von unvollkommenen Wesen betrieben wird. Wir interpretieren außerdem unsere Beobachtungen, um Gesetzmäßigkeiten zu „entdecken“ bzw. zu bilden, und beheben dadurch die Objektivität unserer Beobachtungen. Hat Wissenschaft ein Ziel? Vermutlich ja, weil sie anscheinend Wissen anstrebt: Ihr Ziel ist es, Wissen zu erlangen. Welche Art von Wissen soll erlangt werden? Nur materielles, weil die (modernen) Wissenschaften nur das in der Materie Wahrnehmbare als „wahr“ ansehen und eine Existenz außerhalb der Materie leugnen. Wenn es aber eine solche Existenz geben sollte, resultiert diese Ignoranz in einer Mischung der wahren Aussagen der Wissenschaft mit unwahren Aussagen, die durch diese Existenz unwahr wurden. Dass ein (möglicherweise) wichtiger Faktor von den Wissenschaften ignoriert wird, deutet darauf hin, dass kein vollkommenes Wissen angestrebt wird. Strebt sie vielleicht (innerhalb der Materie) nützliches Wissen an? Das Ausnutzen von wissenschaftlichem Wissen ist keine wissenschaftliche Tätigkeit, sondern nur das Erlangen von solchem Wissen.

Trotzdem finden wissenschaftliche Gesetze in der Praxis (fast) immer Platz, sei es in der Medizin, in technologischem Fortschritt oder in der Manipulation und Mobilisierung von Menschenmengen. Wissenschaft wird auch in den Bereichen finanziert und deshalb stark betrieben, die dem (z. B. technologischen) Fortschritt beitragen (“The sciences of today are business enterprises run on business principles. Research in large institutes is not guided by Truth and Reason but by the most rewarding fashion, and the great minds of today increasingly turn to where the money is“ – Paul K. Feyerabend, Farewell to Reason , 1977). Wissenschaft hat also auch das Ziel, nützlich zu sein und ist nicht so „frei”, wie sie angibt, zu sein. Wissenschaft verbreitet auch ihre Blickwinkel innerhalb der Gesellschaft. Ihre Position, dass es außerhalb der Materie keine Wirklichkeit gibt und dass empirische Methoden uns zur Wahrheit führen, wird in unserer Gesellschaft , in der die Wissenschaft ein hohes Ansehen genießt, von vielen vertreten. Wissenschaft hat die Denkweise unserer Gesellschaft geprägt. Dies bedeutet, dass die Denkweise der Gesellschaft übereinstimmt: wir sind deshalb von der Wissenschaft überzeugt. Ein anderes Ziel der Wissenschaft also, sich zu verbreiten und möglichst viele Anhänger zu bekommen. Insgesamt fehlt das Hinterfragen von Wissenschaft, wissenschaftlicher Methoden und unserer eigenen Denkweise. Wissenschaftler, die angeben, dass sie skeptisch sind und die Religion dogmatisch ist, sind selber dogmatisch, berufen sich lediglich auf andere Dogmen: auf wissenschaftliche Axiome („[S]cience [is the] most recent, most aggressive, and most dogmatic religious institution.“ – Paul K. Feyerabend, Against Method , 1975).


Bahar Irmak Karaduman (EF)

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