Ein Essay von Irmak Karaduman

 

Um die Frage beantworten zu können, ob Wissen zu Macht führt, muss man zuerst die Begriffe „Macht“ und „Wissen“ definieren. „Macht“ ist für ein Individuum oder Gruppe die Möglichkeit, seinen/ihren Willen auszuführen. Je größer die Macht ist, desto größer ist die Möglichkeit zur Verwirklichung von Intentionen. Dabei ist Macht aber nur dann vorhanden, wenn die Möglichkeit zur Ausnutzung dieser Macht besteht. Wenn z.B. jemand von anderen für stark und bedrohlich gehalten wird, aber er dies nicht weiß, ist das keine Macht: er kann die „Macht“, die ihm zugeschrieben wird, nicht ausnutzen. Sie ist vielmehr eine Schwäche, da diese Person beim Handeln mit diesem Parameter nicht rechnen kann (solange sie nicht informiert ist). Dieser Parameter könnte aber negative Einflüsse auf ihre Handlungen haben. „Wissen“ definiere ich im Folgenden als das, was ein Individuum als wahr akzeptiert.

Zum Beispiel könnte man wissen, dass das Atommodell ein weit verbreitetes Modell zur Erklärung von Materie ist, aber dass die Stringtheorie das absolut wahre Modell ist. Ein anderer könnte wissen, dass auch dieses Modell unzureichend ist. Dieses Wissen wird von Erfahrung, Intuition, Gefühlen oder Ähnliches unterstützt. Wissen ist also alles, was von einem Individuum aus verschiedenen Gründen als wahr angenommen wird. Dieverschiedenen Annahmen können mit der Zeit geändert, ersetzt oder verworfen werden. Da Macht nur dann besteht, wenn sie ausgenutzt werden kann, ist es sinnvoll, Wissen auch im Hinblick auf Anwendung näher zu beschreiben. Es wird aus dieser Perspektive in zwei geteilt: theoretisches und anwendungsorientiertes Wissen.

Das theoretische Wissen besteht aus einzelne Aussagen oder Informationen, die miteinander in einem System verknüpft sind, damit man die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Aussagen/Informationen erkennt. Zunächst ist Wissen dieser Art nur theoretisch und nicht anwendbar. Einzelne Informationen sind nur in bestimmten Bereichen gültig und bedeutsam, sie sind nicht universell. Zum Beispiel das Wissen, dass Äpfel für mich gesund sind, hat keine Bedeutung für die neuesten Entdeckungen der Astrophysik. Also ist in der Frage, ob Wissen zu Macht führt, als (theoretisches) „Wissen“ nur relevantes Wissen gemeint: Zum Beispiel zur Erreichung von Macht durch Ausnutzung von Menschen wäre theoretisches Wissen über das Verhalten dieser wichtig. Anwendungsorientiertes Wissen ist hingegen universell und kann überall angewendet werden. Es ist das Wissen, was wir als Ergänzung zu theoretischem Wissen brauchen, um beides anwenden zu können. Es beinhaltet unter anderem strategisches Wissen und unsere Moral. Es zeigt uns den schnellsten (strategisches Wissen) und richtigsten (Moral) Weg zu unserem Ziel. Ein konkretes Beispiel von reinem anwendungsorientiertem Wissen zu finden ist schwierig, wenn nicht unmöglich, da wir solches Wissen mit theoretischem verknüpfen um es ein konkretes Thema zu geben, wenn wir es anwenden oder ein Beispiel dafür nennen wollen.

Es gibt auch Übergänge zwischen diese zwei Wissensarten: ein Beispiel sind Manitpulationstechniken in der Psychologie. Als ein Spezialist ist dieses Wissen nur theoretisch, aber wenn es im Alltag angewendet wird, wird es zum anwendungsorientierten Wissen. Um Wissen anzuwenden, oder überhaupt zu handeln, muss man beide Arten von Wissen kombinieren. Mit dem theoretischem Wissen, dass der Satz vom Pythagoras im Euklidischen Raum gilt, kann ich zunächst nichts machen. Mit dem zugehörigem anwendungsorientiertem Wissen, unter anderem, dass die Anwendung dieses Satzes mich zur Lösung meiner Matheaufgabe bringen wird und dass sie keine ethischen Probleme erzeugt, führt dazu, dass ich den Satz anwende und die richtige Lösung erhalte.

Das theoretische Wissen ist sozusagen der Inhalt und das anwendungsorientierte Wissen die Form unserer Handlungen: Das theoretische ist das Wissen, dass und das anwendungsorientierte das Wissen, wie. Das letztere gibt die Grundlage und die Richtlinien für unsere Handlungen und das erstere füllt sie mit den nötigen Informationen aus. Mit diesen Definitionen von „Wissen“ und „Macht“ kann man die Frage beantworten, ob Wissen zu macht führt. Dazu muss man zuerst erläutern, ob man mit Wissen Macht erreichen kann und unter welchen Bedingungen. Mit nützlichem strategischem Wissen (anwendungsorientiertes Wissen) und Verständnis über unsere Umwelt (theoretisches Wissen) kann man diese ausnutzen. Das ist eine Möglichkeit zur Ausführung unseres Willens, und sie wächst mit mehr strategischem und theoretischem Wissen. Also wächst die Macht mit wachsendem (geeignetem) Wissen. Aber unter welchen Bedingungen stimmt das? Natürlich müssen beide Arten von Wissen vorhanden sein: sie müssen zulassen, dass man sie bei Bedarf anwendet. Das theoretische Wissen muss ausreichen, außerdem muss das strategische Wissen die Vergrößerung der Macht als wünschenswert zum Erreichen des Ziels definiert haben. Die Moral muss auch zulassen, dass man seine Macht ausnutzt: Wenn etwas eine Möglichkeit verhindert, besteht die Möglichkeit nicht, also besteht in dem Falle (der verhindernden Moral) Möglichkeit der Willensausführung nicht: es besteht keine Macht. Abschließend kann ich auf die Frage, ob Wissen zu Macht führt, die Antwort geben, dass man mit geeignetem Wissen Macht auf jeden Fall erreichen kann und wird. Man erreicht zwangsläufig immer mit geeigenetem Wissen Macht: Wissen besteht aus angeeigneten Annahmen, die unsere Handlungen bestimmen. Es bestimmt dadurch auch, wie wir ein bestimmtes Ziel erreichen, zum Beispiel ob wir (mehr) Macht brauchen oder nicht. Ohne das die Macht einschränkendes moralisches Wissen, mit dem die Ausnutzung der Macht bestätigendes strategisches Wissen und mit ausreichendem theoretischem Wissen handelt man zugunsten der Erreichung der Macht. Also führt das geeignete Wissen immer zu Macht.

Irmak Karaduman, EF

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