Wenn ich darauf zurückblicke, wie sehr ich mich davor gefürchtet habe, 10 Tage irgendwo im Norden Deutschlands mit ca. 100 Fremden zu verbringen, muss ich schmunzeln. Denn nun sitze ich hier, schwelgend in den wunderschönen Erinnerungen, die ich gemacht habe, und wünsche mir nichts sehnlicher, als diese 10 Tage erneut erleben zu dürfen.

Aber spulen wir zunächst einige Wochen zurück…


„Sag mal, Thuy, hast du Interesse daran an einer Schülerakademie teilzunehmen?“ Als Herr Weber mich das eines Tages fragte, war ich skeptisch. Ich? Auf einer Akademie für engagierte und begabte Schülerinnen und Schüler? Ganz identifizieren konnte ich mich mit dieser Vorstellung nicht. Aber das Interesse war da und so kam es dazu, dass Herr Weber sich für mich bewarb. Ich hätte nie erwartet, dass ich angenommen werden würde, aber tatsächlich bekam dann ich die Zusage und die Freude war unglaublich groß. Als später jedoch die ersten organisatorischen Mails kamen und die Teilnehmenden sich auch schon über ein Forum gegenseitig vorstellen konnten, fühlte ich mich ein wenig ängstlich. Ich las über Gleichaltrige, die bereits mehrere Jahre im Ausland gelebt hatten, die um die zehn verschiedene Sportarten betrieben, die verrücktesten Talente besaßen etc. und ich saß vor meinem Computer und fühlte mich schrecklich durchschnittlich.

Irgendwann war es endlich soweit und die Vorfreude besiegte jegliches Gefühl von Angst. So begab ich mich am 6. August 2016 auf den Weg nach Papenburg, einem kleinen Städtchen im Norden Deutschlands. Ich staunte nicht schlecht, als ich am Nachmittag die historisch-ökologische Bildungsstätte Papenburgs (HÖB) betrat: Es war eine wunderschöne Einrichtung, in welcher der Flur ein Wintergarten war und sich ein See auf der anderen Seite des Hauptgebäudes erstreckte. Das Gelände bestand aus mehreren Gebäuden und war somit riesig.


Die Nervosität erreichte ihren Höhepunkt, als ich alleine in meinem Zimmer saß und gebannt darauf wartete, meine Zimmerpartnerin für die nächsten zehn Tage kennenzulernen. Ich musste nicht lange warten und schloss sofort die Freundschaft mit einer netten Münchnerin. Wir gingen gemeinsam los und lernten weitere Gesichter kennen. Nach und nach merkte ich, wie absurd meine vorangegangen Ängste waren: Klar, waren die Leute hier auf gewisse Weise besonders, aber auf der anderen Seite war auch jeder von ihnen ein ganz normaler Jugendlicher, mit dem man sich super unterhalten konnte. Es war erstaunlich, wo sie alle herkamen: So wohnte einer in Prag, ein anderer sogar in Athen und eine in Helsinki. Beim Abendessen (an dieser Stelle ein großes Lob an die Küche der HÖB!) wurde munter weiter gequatscht. Danach stand aber auch das erste Plenum an, wo zunächst nur Formales geklärt wurde. Direkt im Anschluss traf man sich im Kurs.

Insgesamt gab es an der Akademie sechs Kurse mit jeweils 16 Teilnehmenden und zwei Kursleitenden. Es gab die Kurse „Graue Zellen und Statistik“, „Mikroskopie“, „Molekularbiologie“, „Schulpsychologie“, „Kulturkontakte“ und „Psychische Krankheiten“.

Ich habe mich für letzteren entschieden, da ich Psychologie als Studienfach in Betracht zog. Es fing an mit Kennenlernspielen. Erneut wurde mir erfreulicherweise bewusst, wie nett jeder war und wie viel wir untereinander gemein hatten. Auch mit den Kursleiterinnen waren wir auf einer Wellenlänge, sodass die Atmosphäre in unserem Kurs von Anfang an sehr entspannt und harmonisch war.

Der nächste Tag begann früh: Um 8 Uhr gab es Frühstück, um 8.45 Uhr war die nächste Plenumsversammlung. Dort wurde weiteres geklärt, uns aber auch schon ein Auftrag mitgegeben: Für die folgenden Tage sollten die Kurse jeweils auf kreative Weise die aktuellen Nachrichten vorstellen. Eine sehr spannende Aufgabe, die mein Kurs mit der Darstellung eines Schizophrenie-Erkrankten, der die Nachrichten als Stimmen in seinem Kopf hörte, löste.

Wie bereits erwähnt, beschäftigten wir uns im Kurs mit dem Thema psychische Krankheiten. Bereits vor der Akademie hatte jeder von uns ein Thema bekommen, das er vorbereiten sollte. Dabei beschäftigten wir uns mit fünf Krankheitsbildern (Schizophrenie, Depressive Störungen, Angststörungen, Posttraumatische Belastungsstörung und Substanzstörungen), mit denen sich jeweils einer entweder mit der Definition, der Erklärung oder den Therapieansätzen auseinandersetzte. In den ersten Stunden beschäftigten wir uns mit den Begriffen „irre“, „normal“, „krank“ und „gesund“ und präsentierten uns gegenseitig die im Vorhinein erarbeiteten Krankheitsbilder. Im Laufe der 10 Tage erarbeiteten wir uns zudem u.a. psychotherapeutische Ansätze mit den zugehörigen Therapieschulen, die historische Entwicklung der Psychiatrie, erfuhren etwas über psychische Krankheiten aus einem juristischen Blickwinkel, über die forensische Psychiatrie und diskutierten letztlich auch viel über die öffentliche Wahrnehmung psychischer Störungen.

Das mag sich jetzt vielleicht alles sehr trocken anhören, aber die Arbeitsatmosphäre war sehr angenehm. So wie Schulunterricht kann man es sich nämlich nicht vorstellen! Vielmehr war es ein entspanntes Zusammensitzen, bei dem wir viel diskutierten und auch lernten. Man stand unter keinem Leistungsdruck und war dennoch unglaublich produktiv. Unsere Leiterinnen schafften es zudem sehr abwechslungsreiche Methoden einzubauen. Beispielsweise sollten wir an einem Tag in einem Rollenspiel als eine prominente Person mit psychischer Erkrankung (z.B. Robert Enke, Amy Winehouse oder Kurt Cobain) eine Gruppentherapie durchführen. Das war eine neue, aber bereichernde Erfahrung. Außerdem spielten wir zwischendurch immer wieder kleine Spielchen, um die Gruppendynamik weiter zu stärken. Gegen Ende der Akademie ging es aber auch mal wirklich ans arbeiten: So mussten wir in Kleingruppen Referate vorbereiten und stellten sie den anderen Akademieteilnehmenden in einer Rotation vor. Die Beiträge aus den anderen Kursen waren sehr interessant, denn man hat gemerkt, wie jeder einzelne von ihnen wirklich hinter seinem Thema stand und es war eine schöne Erkenntnis, was für eine Vielzahl an verschiedenen und besonderen Persönlichkeiten hier in der Akademie zusammentraf und sich so gut verstand. Ferner mussten wir gegen Ende die Kursarbeit zusammenfassen, denn hinterher sollte jeder von uns eine Dokumentation erhalten, quasi ein „Akademiebuch“.

Nach einer Kurseinheit, die immer morgens und nachmittags anstand, hatten wir reichlich Freizeit. Diese war so bunt, wie die vielen Persönlichkeiten, die man hier kennenlernte. Denn die KüAs (kursübergreifenden Aktivitäten) gestalteten wir selbst: Wer irgendwas Besonderes konnte, der zeigte es den anderen. So machte ich z.B. einen Tanz-, Japanisch- und Theaterkurs mit und lernte ferner etwas über Privatsphäre im Internet und über Realistische-Unfall-Notfall-Darstellung (d.h. das Schminken von Verletzungen). Angeboten wurde aber noch viel mehr: Ständig wurden die verschiedensten Sportarten betrieben, es gab einen Chor und ein Orchester, für welche ein zusätzlicher Leiter da war, es bildete sich eine Band, es wurde Karten gespielt, Bootstouren zusammen unternommen, aber auch mal mit dem Fahrrad in die Stadt gefahren usw.



Neben den KüAs, bei denen man immer neue Leute kennenlernte, tat die Akademieleitung viel daran, die Teilnehmenden auch im großen Kreis zu mischen, so z.B. am Spieleabend, bei dem verschiedene Teams gegeneinander antraten und eine Aufgabe beispielsweise war, am schnellsten einen Origami-Frosch zu basteln, wobei eine Falte nur jeweils einer aus der Gruppe übernehmen durfte. Aber auch das „Mörderspiel“, das sich über die gesamte Akademie zog, sorgte stets für Spannung und neue Freundschaften. Es ging darum, so viele Teilnehmende wie möglich zu töten, indem man sich mit ihnen unterhielt und ein bestimmtes Wort fallen musste. Zum Schluss gab es ein Konzert und einen „Bunten Abend“. Bei Ersterem wurden die musikalischen Erarbeitungen vorgeführt, bei Letzterem gab es ein bunt gemischtes Programm, bei welchem wir auch gemeinsam unser selbst geschriebenes Akademielied sangen.

Als dann nach 10 Tagen der Abschied bevorstand, fühlte man die Schwermut in den Gängen. Schnell wurden noch Zettelchen in die Briefumschläge gesteckt, die am Tag vorher für jede Person ausgehängt wurden und für kleine, liebe Botschaften gedacht waren. Man saß zusammen, unterhielt sich, unternahm die letzte Bootstour. Die ersten gingen und man versprach sich wiederzusehen. Letztlich musste auch ich fahren, ich vergoss einige Tränen und saß dann schon in Erinnerung schwelgend im Auto zurück nach Aachen.

Rückblickend kann ich sagen, dass die Akademiezeit eine wunderbare und einzigartige Erfahrung war. Nicht nur, dass ich mich so intensiv mit solch einem interessanten Thema beschäftigen durfte, soviel dabei gelernt habe, sondern auch die Menschen, die ich kennenlernte, waren mir eine Bereicherung. Nirgendwo sonst hatte ich so tolerante, ambitionierte und weltoffene Menschen auf einmal getroffen. Die langen Nächte und müden Morgende haben sich definitiv gelohnt und ich werde die Zeit in Papenburg niemals vergessen. Ich kann jedem, dem sich die Möglichkeit eröffnet, nur empfehlen, selbst solche Erfahrungen zu machen.

Thuy Phan, Q2